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Sonntag, 9. November 2014

100 Jahre Einheit (respektive Reichspogromnacht)! Herzlichen Glückwunsch, Bunzreplik, Du geile Sau!

bunt, süß und kalt: Der "neue" Kapitalismus!
Wir gedenken unseren Ground Zeros, unseren 9.11. nach europäischer Zeitrechnung. Nach diesen Tagen war nichts mehr wie so wie vorher: 1938 und 1989 - welch schicksalhafte Jahre, welch schicksalhafte Tage! Hier ein kurzer Abriss der Ereignisse:

Wo ich war? 1938 genetisch schon angelegt in den Hoden meiner Großväter, habe ich mit der Reichspogromnacht wohl wenig zu tun. Die Rolle meiner Großväter bleibt mir verborgen. Immerhin war der eine Gendarm und Mitglied der NSDAP. Das hätte ich nicht gedacht. Ich habe es aber erst nach seinem Tod erfahren. Es war bei ihm nicht so offensichtlich wie bei so manchem CDU- oder FDP-Politiker.

1989 war ich schon mündig und habe gewusst, dass die Einheit nicht umsonst zu haben ist. Ganz entgegen der Aussagen der sogenannten Einheitspolitiker. Heiner Geissler (CDU) hat's in den Raum gestellt und wurde deshalb kaltgestellt.

Nicht dass ich aus Kostengründen gegen die Einheit gewesen wäre. Aber auch eine demokratische Zweistaatenlösung wäre gut gewesen. Hat man der ehemaligen Tätärää nicht einfach unser Konzept der Demokratie übergestülpt? Ich denke schon! Dann aber denke ich es auch wieder nicht: Die Neudeutschen aus der Zone haben unseren rheinischen Kapitalismus nie kennenlernen dürfen. Nach dem Beitritt war der nämlich schon passé.

Der rheinische Kapitalismus war so urst gemütlich wie man es sich nicht mehr vorstellen kann heutzutage. Die Gewerkschaften waren damals noch auf der Seite der Arbeitnehmer! Es wurden regelmäßig Gehaltserhöhungen gefordert, und die Arbeitgeber haben nicht wie heute einfach Nein! gesagt.

Sie haben gesagt: Jein! Nicht so hoch jedenfalls! Keine 7 Prozent. Eher so 3! Wegen der Rezession. Oder wegen Wurst oder auch einfach so. Weil: Damals hatten manche Arbeitgeber noch ein schlechtes Gewissen, wenn sie den guten Kaviar ganz alleine gegessen haben und ihre Arbeitnehmer Wurst aus der Dose essen mussten.

Da herrschte noch Anstand. Dann aber kam die Wende und Hitler, entschuldigung, Kohl, hat den sogenannten Runden Tisch erfunden. Und vorbei war's mit dem rheinischen Kapitalismus. Denn plötzlich saßen da alle Arbeitgeber mit Politikern an einem Tisch und haben sich gegenseitig Zugeständnisse gemacht.

Und wie das so ist, wenn sich zwei unter Ausschluss der wirklich Betroffenen gegenseitig Zugeständnisse machen, kommt dabei auch nur Gutes für alle Beteiligten raus: Die Politik hat die durch die Wende ganz arg gebeutelte Wirtschaft unterstützt und die Wirtschaft hat im Gegenzug in Aussicht gestellt, nicht allzu viele Leute zu entlassen.

In Wahrheit hat die Wirtschaft aber gar nicht die Kosten der Einheit getragen. Ganz im Gegenteil hat sie enorm davon profitiert. Die Kosten haben im Grunde so egale Leute wie Du und Ich getragen, aus dem Osten und aus dem Westen. So dumme Leute verdienen es allerdings nicht, eine Arbeit zu bekommen, geschweige denn eine gut bezahlte. Die schlauen Arbeitgeber hingegen konnten ihre Versprechen, die sie der Politik gemacht hatten, aus diversen Gründen irgendwie nicht so richtig einhalten, sonst... die Arbeitsplätze, Sie wissen schon... im Ausland ohnehin billiger... knick knack!

Nennenswerte Gehaltserhöhungen gab es nun nicht mehr: Entweder waren die Zeiten schlecht und kein Geld war da oder die Zeiten waren gut und es mussten Rücklagen gebildet werden für schlechte Zeiten. Es ist nie jemand auf die Idee gekommen, in schlechten Zeiten mittels Rücklagen Gehaltserhöhungen durchzusetzen. Hätte funktionieren können, stattdessen haben wir die Gürtel enger geschnallt.

Die Gewerkschaften haben schließlich begonnen, sich ganz auf die zu konzentrieren, die noch einen Job haben und einigermaßen bezahlt werden. Dabei haben sie alle anderen vergessen, die daraufhin weniger und weniger verdient haben und am Ende gar nichts mehr, weil es keine Jobs mehr für sie gab. Dann hat Hitler, entschuldigung, Schröder, Hartz IV erfunden und alles wurde wieder gut:

Seitdem arbeiten nämlich sehr viele Leute viel für wenig Geld und ein paar Leute arbeiten wenig für sehr viel mehr Geld. Und andere arbeiten gar nicht und haben so viel wie die Leute, die viel arbeiten. Da stellt man sich dann Fragen. Aber wegen der gelungenen Bildungspolitik unserer Bunzreplik halten alle nur noch durch und haben verinnerlicht, dass der beste Lohn immer noch die Arbeit selbst ist und die Anerkennung, die daraus resultiert.

Nur das Nötigste zu haben und nicht dafür zu arbeiten gilt hingegen als verpönt und unwürdig. Solche Leute beuten den Staat aus. Solide Bildungspolitik verhindert dabei, dass die Leute auf die Idee kommen, dass es der Staat und die Wirtschaft sind, welche alle anderen ausbeuten. Der Staat, das sind wir? Da müssen dann alle wieder lachen!

Damit sich Arbeit wieder lohnt, hat Hitler, entschuldigung, Merkel, dann den Mindestlohn erfunden. Der ist eine Zukunftsinnovation, weil er erst 2017 kommt (wahrscheinlich) und dann auch nicht für alle. Ausgenommen sind alle die, die auch schon heute weniger als den Mindestlohn erhalten. Das könnte irgendwie schon wieder putzig sein in seiner Verlogenheit!

Die Einheit ist nun vollbracht: Es wächst zusammen, was zusammen gehört! Keiner hat sich Träumen lassen, wie wenig alles zusammen gehört. Entsprechend findet sich Geld zu Geld und Armut wird geteilt und vererbt. Man könnte an H.G. Wells Zeitmaschine denken, an Morlocks und an Eloys, aber selbst in dieser Dystopie scheint die Welt gerechter: Wenn wir die Reichen doch wenigstens nach einer Weile einfach aufessen dürften!

Stattdessen läuft es so ab: Wohlgekleidete Menschen höherer Einkommensklassen sowie ein paar trächtige Mitteweibchen kommen zu einer Olivenölverkostung zusammen und tunken weißes Brot in die zugegebenermaßen wohlduftende Flüssigkeit. Dazu trinken sie einen Riesling aus zu großen Weingläsern und unterhalten sich ausschließlich über Güte und Qualität der Öle und deren Produktionweise.

Früher hat man den Herstellern diese Schrulligkeit gestattet, schließlich will man ja, dass schmeckt was sie herzustellen gedenken. Heute muss auch noch der Kunde zum Experten werden und sanft mit den Augen rollend Speiseöl goutieren, womöglich gurgeln und über den warmen Abgang und die leicht nussige Note dieses vorzüglichen Öls aus biologischer Herstellung raissonieren.

Ich habe es ungefähr zehn Minuten dort ausgehalten und habe mich dann verdrückt, ohne noch ein Foto zu machen. Gestern konnte ich es noch nicht erklären, was mich eigentlich mehr gestört hatte: das blasierte Getue der betuchten Gäste, der Hype um ein Lebensmittel, das esoterische, pseudophilosophische  Drumherum? Ich sagte mir: Du bist aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht so weit, an einer Speiseölverkostung Freude zu haben!

Heute denke ich: Ich bin innerlich einfach noch nicht tot genug, um mich nicht darüber aufzuregen, wenn erwachsene Menschen ihren Fokus auf etwas völlig Nebensächliches lenken und einem Speiseöl eine beinahe religiöse Bedeutung zugestehen, während sich in aller Welt Menschen auf der Flucht befinden, im Mittelmeer ersaufen oder gleich von einer Horde Irrer vor Ort ermordet werden.

Können Menschen, die völlig ernsthaft Brot ins Olivenöl stippen und darüber philosophieren, über ein politisches (Verantwortungs-) Bewusstsein verfügen? Die wählen doch bestimmt alle die Grünen! Woran erinnert mich das? Ach ja: Kunst setzt ebenfalls blasierte Vollpfosten frei, doch ist Kunst auch immer Ausdruck einer empfundenen Gegenwart und damit auch politisch. Öl hingegen ist doch nur politisch, wenn es aus der Erde kommt und man viel Brumm Brumm damit machen kann. Wo sind die Waffen, wenn man sie mal braucht?

Samstag, 29. Juni 2013

Irre werden an der Welt! Der Auserwählten Gerechtigkeit!

Ich trinke derzeit wenig Alkohol. Viel zu wenig. Im Grunde müsste ich ständig meine Sinne betäuben. Hernach matt durch die Peripherie wandeln, mehr tot als lebendig. Wie die meisten Menschen eben, nur dass die keinen Alkohol dazu brauchen. Ich bin zu wach. Das macht Menschen Angst. German Angst. Schnarch... was? Geh' weg! Hilfe, der zwingt mich nachzudenken!

RonJustice (der mich kürzlich besucht hat) und ich sind kürzlich in einem Café einem älteren Herrn begegnet, der so vor sich hin brabbelte. Das was er brabbelte, war so dumm nicht. So richtig zuhören mochten wir aber nicht. War dann doch zu irre. Wir können nur vermuten, dass dieser Herr viel weiß und einst noch mehr wusste, er aber am Wissen um den Zustand dieser Welt leicht irre geworden ist. Schade um ihn, den Gescheiterten.

An der Welt irre werden ist nicht schwer. Man muss dazu nur die Augen offen halten, was gemeinhin eher von anstrengenden Menschen so gehalten wird. Das liegt vielleicht daran, dass sie versuchen, die Menschen aufzurütteln oder zum Beispiel einen Skandal aufzudecken. Für solche Menschen gibt es die geschlossene Psychiatrie. Gustl Mollath muss ein sehr anstrengender Mensch sein. Dass ich noch nicht in der Psychiatrie bin, liegt möglicherweise daran, dass ich noch nichts Bedeutendes aufgedeckt habe.

Machen wir uns nichts vor: Die meisten Menschen wollen nicht wachgerüttelt werden. Sie wollen in Bedeutungslosigkeit versinken und nicht darüber nachdenken, was man allein durch überlegtes, beherztes und gemeinnütziges Handeln am Elend dieser Welt ändern könnte. Zu anstrengend. Drehen wir uns lieber noch einmal um und schlafen weiter. Sonst würde man irre oder dafür gehalten werden.

Merke: Die Mücke, die uns umfliegt und sticht, ist an sich nicht irre. Man kann aber an ihr selbst irre werden.

Diese Woche möchte ich eine kleine Frage an meine noch kleinere Lesegemeinde richten: Warum heißt man jemanden einen Hartz IV- Betrüger, wenn er sich seinen kleingerechneten ALG II- Satz mittels Schwarzarbeit aufstockt, und einen anderen einen Steuersünder, wenn er dem Staat sein Erspartes erspart, indem er es vor ihm versteckt?

Liegt es an der Höhe des angerichteten Schadens? Dass man nicht mehr von Betrug reden mag, wenn es um Milliardenbeträge geht, die dem Staat (uns) jährlich verloren gehen? Weil sonst der Staat (wir) verzweifeln müsste ob der Schlechtigkeit einzelner Menschen, ihrer Gier und ihrer Asozialität? Wie Eltern, die sich nicht eingestehen mögen, dass ihre Kinder verzogene Scheißkerle sind und stattdessen ehrfürchtig von Hochbegabung sprechen?

Ah, die Frage ist leicht: Ist Asozialität ein Straftatbestand? Antwort: Ja, unbedingt, solange es sich um einen "Sozialschmarotzer" handelt, der sich keinen Steuerberater und keinen eigenen Rechtsanwalt leisten kann. Ihn trifft die volle Härte des Gesetzes, und da wird ihm sogar zugemutet, dass er von noch weniger als dem Existenzminimum lebt. Dass dagegen noch nicht geklagt wurde?

Die anderen "Sozialschmarotzer" sind gar keine "Sozialschmarotzer", sondern Leistungsträger. Sie nehmen's sportlich und handeln nicht aus Not: Sie probieren's halt. Und wenn ihnen droht, erwischt zu werden, gute Güte, dann zeigen sie sich halt schnell selber an, zahlen gütigerweise das nach, was dem Staat (uns) ohnehin gehört und damit hat sich's.

Wer eine Bank überfällt und sich selbst stellt, wenn die Polizei ihm dann doch dicht auf den Fersen ist, sollte in Zukunft gar nicht erst einsitzen müssen. Man könnte es ja auch mal sportlich nehmen: Stellt er sich, gibt er das Geld einfach wieder zurück. Wenn er hingegen nicht geschnappt wird bzw. er sich nicht stellen muss, darf er's behalten. Besonders hartnäckige Fahnder kann man übrigens wegen attestierter Paranoia vom Dienst suspendieren.

Aber im Ernst: Wer nicht aus der Not heraus handelt, sondern aus reiner Gier, den soll man einen Betrüger und auch einen Verbrecher nennen. Er soll bestraft werden und nicht nur das zurückgeben sollen, was er sich unter den Nagel gerissen hat. Er soll sich ebenso rehabiltieren müssen. Umso mehr, je größer der angerichtete Schaden für die Gemeinschaft ist.

Was aber garantiert nicht hilft, ist den größeren Schaden zu bagatellisieren und den kleineren künstlich aufzubauschen. Es müsste gerechterweise heißen: Hartz IV- Sünder und Steuerbetrüger. Ein fairer Staat (wir) lässt Milde walten den Bedürftigen und strenges Augenmaß walten den Starken gegenüber. Dass es genau umgekehrt ist, lässt einen irre werden. Schnarch... was?

Dienstag, 7. Juni 2011

Das Bedürfnis nach Schnaps: Das JobCenter ist nichts für Zartbesaitete!

Dass ALG2- Empfängern die kleine Pauschale für Alkohol gestrichen wurde, wirkt sich womöglich verheerend aus. Denn Alkohol kann durchaus ein Ventil für entstehende Aggression durch Kontaktaufnahme zu den JobCentern der Republik sein. In einem unfreiwillig freiwilligen Selbstversuch habe ich nun festgestellt, dass ganze zwei Einladungen völlig ausreichen, um einen vernunftbegabten Menschen zur Weißglut zu bringen.

Wer sich erinnern mag: Vor acht Wochen habe ich meinen superdämlichen Job gekündigt, auf ärztliches Anraten übrigens. Meinen Job bei dieser bekloppten Firma im Bildungssektor hätte auch ein wartungsfreier Automat übernehmen können, zumal der sogenannte Bildungsdienstleister bzw. dessen Geschäftsführerin Frau A., in etwa ein Gespür für das Personal hat wie ein Kehrbesen für die Probleme von Küchenabfällen.

Nach und nach ging mir dort die Luft aus, und man möchte den Umstand so beschreiben: Überforderung im Beruf durch intellektuelle Unterforderung unter Beibehaltung völliger beruflicher Perspektivlosigkeit und Unterlassung jedweder innerbetrieblichen Aufstiegsmöglichkeit. Muss nicht erwähnt werden, dass das Gehalt branchenüblich schlecht war und das Arbeitsklima einer Mischung aus Ahnungs- bzw. Motivationslosigkeit, Unzufriedenheit, Überlastung und Arglist entsprach.

Grundsätzlich sollte gelten: Wer kündigt, tut das nicht ohne Grund! Vor ein paar Jahren las ich in einer Umfrage, dass 70% aller Arbeitnehmer unzufrieden mit ihren Jobs sind. Dass sie nicht kündigen, liegt wohl daran, dass sie lieber einen Sch...- Job haben als gar keinen; oder dass sie angst haben, eine Sperre durch Arbeitsamt zu bekommen. Ich frage mich, was den Arbeitnehmern eigentlich alles passieren muss, bevor ihnen das egal wird?

Nun, ich habe meine berufliche Integrität voran gestellt, vorher natürlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft, eine andere Anstellung zu finden, und sehe mich nun der Situation ausgesetzt, eine dreimonatige Sperre durch die AA zu erhalten, was mich direkt in die Arme des örtlichen JobCenters treibt. Dort fällt zunächst auf, dass keiner von den MitarbeiterInnen dort die Regeln selbst macht und man deswegen jedes noch so schwachsinnige Formular ausfüllen muss, in meinem Fall den Bogen EKS zu den selbständigen Einkünften. Im Grunde muss ich jetzt nicht erklären, wo es hakt. Aber: Es hakt! Natürlich macht die Sachbearbeiterin die Regeln nicht selbst und kann deshalb nichts dafür.

Paranoide Leute wie ich fragen natürlich zuerst nach, wie sich ein Mensch in seiner Berufswahl überhaupt für einen Job entscheiden kann, in dem man nie etwas für irgendwas kann, weil man ja selbst die Regeln nicht macht. Verwaltungsfachangestellte und alle anderen MitarbeiterInnen in den JobCentern und Agenturen für Arbeit spielen in einem System mit, das vorgibt, keinerlei Spielraum mehr für individuelle Entscheidungen mehr zu haben. In einem solchen Arbeitsverhältnis müsste man ja tatsächlich angst haben, von einem Automaten ersetzt zu werden.

Oder man muss selber einer werden. Sachbearbeiter sind arme Würstchen. Im Grunde können sie einem leid tun. Man arbeitet in einer Institution und wird zum bedingungslosen Opportunismus herangezüchtet. Wer darunter nicht leidet, der muss sich wohl oder übel in einen Zyniker verwandeln. Alle anderen müssten eigentlich den Job kündigen. Automatisierte Prozesse führen dazu, dass z.B. Asylbewerber in ihre Herkunftsländer oder in angeblich sichere Drittstaaten abgeschoben werden. Menschen entscheiden in Ämtern nach Aktenlage und nicht nach ihrem Gewissen.

Ich könnte solche Entscheidungen nicht treffen. Ich würde mich aber auch nicht hinter irgendwelchen Bestimmungen verstecken (können). Das liegt mir nicht. Dass es aber solche Menschen gibt, die automatisierten Prozessen ein Gesicht geben, ohne jede Möglichkeit zur persönlichen Intervention zu haben, macht mich zumindest froh, in einem weitgehend demokratischen Staat zu leben. Man mag sich nicht ausdenken, was diese Menschen in einer Diktatur anrichten könnten. Etwas Widerstand gehört zum System! Auch und vor Allem in einer Demokratie.

Also hat man als Hilfesuchender dieses angehörige System auch durchzustehen. Mit all seinen Demütigungen und Unterstellungen. Das System unterstellt jedem Antragsteller zunächst Missbrauch von Leistungen. Es kehrt die Beweislast um. Es entmündigt und macht aus einem Hilfesuchenden ein variabel einsetzbares, immerfort verfügbares Wesen. Es liefert den Menschen völlig der Verwertungslogik aus. Biographie, persönliche Gründe, Überzeugungen: spielt alles keine Rolle! Es zählt nur der unbedingte Wille zur Leistung und die völlige Unterwerfung.

Man sitzt in diesen Büros mit all diesen Bürokraten, und am Ende hat man das bestimmte Gefühl, es würde einem besser gehen, wenn man seinem Gegenüber einen Arm brechen würde. Oder sollte man vielleicht doch lieber das Gebäude in Brand setzen? Reines zivilisatorisches Training lässt diese Gedanken zuerst absurd erscheinen und dann verschwinden. Doch die Wut bleibt, und wenn man die nicht ausagieren kann, dann bleibt doch nur noch der Alkohol! Ich hatte jedenfalls noch nie in meinem Leben schon so früh, um 9Uhr morgens, das Bedürfnis, einen Schnaps zu trinken. Bis zum heutigen Tag.

Und deswegen ist es eine große Ungerechtigkeit, dass der Regelsatz für ALG2 keine Pauschale mehr für Alkohol beinhaltet. Ich sehe brennende JobCenter und MitarbeiterInnen mit eingegipsten Armen.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Die schönste Tabelle der Welt! Danke, danke, danke FvdL!

Zu aller Überraschung ergab die Neuberechnung des ALG II- Regelsatzes gar nicht, dass den Langzeitarbeitslosen und ihren Kindern zu wenig bezahlt wird, sondern ganz im Gegenteil, sogar zu viel. Und nur dem Großmut einer Frau von der Leyen ist es zu verdanken, dass die Sätze nicht sofort gesenkt, sondern sogar um 5 Euro erhöht werden sollen - insofern es im Bundesrat eine Mehrheit dafür gibt. Danke, danke, danke, Frau von der Leyen.

Da Arbeitslose ständig dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen müssen, sollen sie auch schön gesund sein und auf keinen Fall Alkohol und Zigaretten im Wert von 14 Euro pro Monat erwerben und - schlimmer noch - für ihre Süchte missbrauchen. Diese Pauschale wurde gekürzt: Noch nicht einmal eine Flasche Sekt zum Geburtstag oder zu Silvester ist mehr drin - es könnte ja sein, dass just an diesem Glückstag ein Gespräch beim PAP ansteht oder man sich spontan für einen Job vorstellen soll. Zum Ausgleich steht dem Erwerbslosen eine Pauschale von 2,99 Euro im Monat zu: für Mineralwasser.

Wie ein Sixpack zu je 9 Litern für einen ganzen Monat reichen soll, wird allerdings nicht erklärt. Genauso, wie darüber gerätselt werden darf, wie man sich für 1,39 Euro bilden soll - wohlgemerkt: im Monat! Das reicht noch nicht einmal für eine Tageszeitung. Kein Wunder, dass das Lumpenproletariat auf Erzeugnisse der Springer-Hass-Presse zurück greift. Fortbildung zahlt doch der Staat? Wir reden aber gar nicht von Fortbildung: Es geht um Bildung, ganz allgemein! Das gab es früher mal, Sie kennen es bestimmt, das Wort: BILDUNG! Doch vergessen? Macht nix! Wer nix weiß, den macht auch nichts heiß. Wir brauchen hier Arbeitnehmer und keine Intellektuellen! Hinterher wird dann wohl auch noch nachgedacht über alles und so oder wie?

Und wenn der Geist schon hungert: 128 Euro für Lebensmittel sollen es schon sein - alles für den dicken Bauch: Dafür kann man ganz schön bio und gesund leben! Das Geld reicht dann zwar nur für einen halben Monat, aber Hauptsache gesund! Oder aber man verzichtet völlig auf Fleisch und Käse. Es gibt noch eine Möglichkeit: Täglich guten Biokäse kaufen (200 bis 300gr) und ein Stück Brot. Da kommt man mit vielleicht 4 Euro über den ganzen Tag.

Man kann jedoch alle Knappheiten mit anderen Posten verrechnen. Was soll man denn mit 15 Euro für die Gesundheit anfangen? Das geht besser: ins Bett legen, die Decke über den Kopf ziehen, tüchtig ausfiebern - das spart die Quartalsgebühr und Kosten für Medikamente. Wenn man dann ein Jahr lang spart, kann man sich vielleicht eine Waffe auf dem Schwarzmarkt kaufen und ein paar Patronen. Sich selbst in den Kopf schießen und die Gesellschaft, den Arbeitsmarkt und den PAP (persönlicher Ansprechpartner vom Jobcenter) entlasten, das wäre anständig! Wie anständig sind Sie?

Ja, den Arbeitslosen soll es nicht besser gehen als den Arbeitnehmern. Letztere missgönnen Ersteren lieber ihre Grundsicherung, als für sich selbst höhere Löhne zu erstreiten. Aber was rede ich da? Deutsche Arbeitnehmer sind viel zu blöd zum Ziehen der richtigen Schlüsse. In Frankreich brennen schon wieder Autos, weil die Franzosen nicht bis 62 arbeiten wollen. Hier in der Bunzreplik (H. Kohl) ist sowas nicht denkbar. Lieber schützt man die Bäume im erzlangweiligen Stuttgarter Park, als dass man gegen die Wohltätigkeiten unserer Politiker auf die Straße geht.

Der Zorn über die soziale Ungerechtigkeit, der wird im Straßenverkehr ausgelebt. Immer schön nach unten treten, und vielleicht auch zur Seite. Aber niemals nicht nach oben hauen, bitteschön! Das stört die Ordnung der Dinge. Ordnung ist das halbe Leben. Die andere Hälfte ist die Demütigung anderer sowie die eigene. Jedenfalls weiß man: Man beißt nicht die Hand, die einen füttert, so steht es geschrieben. Kann wirklich niemnd sehen, dass diese Hand schon lange niemanden mehr füttert? Hmmm? Ergo: Schnapp, Hasso, fass'!

Und nun: Die schönste Tabelle der Welt! Darin steht, was mensch so braucht, um über die Runden zu kommen. Vielleicht sollten sich zukünftig alle Arbeitgeber daran orientieren, wenn die Gehaltsfrage mal wieder auftaucht. Also wirklich, mehr Geld braucht doch nun wirklich niemand, oder?

Regelsatz für Erwachsene
Nahrungsmittel, alkoholfreie Getränke128,46 Euro
Bekleidung, Schuhe30,40 Euro
Wohnen, Energie und Wohnungsinstandhaltung
(ohne Miet- und Heizkosten, die separat erstattet werden)
30,24 Euro
Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände27,41 Euro
Gesundheitspflege15,55 Euro
Verkehr22,78 Euro
Nachrichtenübermittlung31,96 Euro
Freizeit, Unterhaltung, Kultur39,96 Euro
Bildung1,39 Euro
Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen7,16 Euro
andere Waren und Dienstleistungen26,50 Euro
 
Regelsätze für Kinder bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres (in Klammern: Kinder zwischen 7 und 14 Jahren/zwischen 15 und 18 Jahren):
Nahrungsmittel, alkoholfreie Getränke78,67 Euro
(96,55/124,02 Euro)
Bekleidung und Schuhe31,18 Euro
(33,32/37,21 Euro)
Wohnen, Energie und Wohnungsinstandhaltung7,04 Euro
(11,07/15,34 Euro)
Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände13,64 Euro
(11,77/14,72 Euro)
Gesundheitspflege6,09 Euro
(4,95/6,56 Euro)
Verkehr11,79 Euro
(14,00/12,62 Euro)
Nachrichtenübermittlung15,75 Euro
(15,35/15,79 Euro)
Freizeit, Unterhaltung, Kultur35,93 Euro
(41,33/31,41Euro)
Bildung0,98 Euro
(1,16/0,29 Euro)
Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen1,44 Euro
(3,51/4,78 Euro)
andere Waren und Dienstleistungen9,18 Euro
(7,31/10,88 Euro)
Quelle: tagesschau.de

Montag, 4. Oktober 2010

Es ist ja alles da! Ein Abgesang!

Während die regierende Minderheit, deren Einkünfte allein aus Steuermitteln besteht und der daher keinerlei produktiven Leistungen im eigentlichen Sinne nachzusagen ist, nun die Einheit der zweigeteilten Bundesrepublik feiert und deren Protagonisten sich gegenseitig ihren Liebesschleim um die Backen schmieren vor lauter Selbstgerechtigkeit und gekünstelter Betroffen- und Ergriffenheit, wird die Gesellschaft längst nicht mehr nach Osten und Westen geteilt, sondern zwischen Leistungswilligen und - unwilligen.

Die integrationsunwillige Parallelgesellschaft, die sich von demselben Bruchteil der "Restgesellschaft" wählen lässt, den sie sonst verhöhnt, verabscheut und denunziert, ist sich dabei nicht zu blöde, der Mehrheit einen Lebensentwurf abzuverlangen, dem sie selber kaum Folge leistet. Wenn sich Leistung wieder lohnen soll, nur als Beispiel, dann ist ja nur von der Schwungkraft der Ellbogen die Rede, welche die Schwächeren einer Gesellschaft in die Ecke zu drängen vermag. Die sogenannten Leistungsträger der Gesellschaft verstehen es allenfalls, ihre erbärmlichen Bemühungen  verbal aufzublasen.

Hartz IV? Atomkraft? Gesundheit? Stuttgart 21? Entgegen allem Wählerwillen und diversen BVG- Urteilen wird einfach durchgesetzt, was der jeweiligen Lobby nutzt. Da geht es kaum noch um die (Wieder-)Wählbarkeit einer Partei, sondern allein darum, sich noch irgendwo ein Pöstchen in irgendeinem Aufsichtsrat zu sichern. Man muss ja auch mal an die Rente denken. An die Karriere. An das Fortkommen als Person. Was ist da schon ein Wählerauftrag? Was ist das überhaupt? Wenn dann die Wahlbeteiligung sinkt, weil die Leute völlig zurecht politikerverdrossen sind, dann wird geschimpft auf die demokratische Unreife der Bevölkerung. Denn sie versteht das Alternativlosigkeitsprinzip in der Politik nicht.

Das man gar nicht wählen kann, wenn es zur aktuellen Lage keine Alternativen gibt, dürfte den Schwachmaten, die sich durch die Bank für Regierungsaufgaben zur Verfügung stellen, entgangen sein. Dass es immer Alternativen gibt, würde mir jeder Richter bescheinigen, dem ich mitteile, dass der durch mich begangene Mord an diversen Politikern völlig alternativlos gewesen sei. Es gibt immer Alternativen! Auch wenn Mord zwingend geboten zu sein scheint.

Übrigens: Eine gewählte oder bestellte "Elite" sollte einer Gesellschaft nutzen, statt sie zum Abschuss freizugeben. Denn die "Elite" wird von ihr genau dafür bezahlt. Tut sie das Gegenteil, dann steht sie im Grunde selbst zum Abschuss frei. Nur: Das versteht in der Bundesrepublik natürlich keiner so richtig. Wer hier in der Scheiße sitzt, der zieht den anderen sofort wieder dahin zurück, sobald der auch nur versucht, seinen Kopf herauszustrecken. Und jene, die die Scheiße nur noch von oben sehen, treten den Ausbrechern die Finger vom Scheißkübel weg.

Es ist ja außerdem alles da: Der Neid zur Seite, der Neid nach unten. Bloß nicht: Der Neid nach oben! Der ist verpönt. Warum eigentlich? Wir sind alle viel zu bescheiden. Wir sollten nach dem streben, was die wenigen anderen haben, und nicht den vielen neiden, die von allem wenig haben. Wir sollten uns aneignen, was andere im vollen Ernst glauben, verdient zu haben. Wir sollten streiken und Krawall schlagen, statt die Mär von der braven Genügsamkeit zu glauben. Wer wenig hat, soll seinen Mut zusammen fassen und nach mehr schreien. Wer zuviel von allem hat, muss befürchten müssen, zu viel zu verlieren.

Hier geht es lange schon nicht mehr gerecht zu. Und sozial schon gar nicht. In einem noch fortzuschreibenden Märchen bewehrt sich der Mob mit Fackeln und Mistgabeln und sucht die von ihnen bezahlten Baumonstren auf, um deren Besetzer herauszuzerren und aufzuknüpfen am höchsten Baum. Hängt sie höher, die Drecksäue!, johlen sie. Und während deren Beine noch zappeln in der Dämmerung, öffnen sich im Verborgenen Samenkapseln, denen genaue Kopien der Erhängten entsteigen. Sie setzen sich an die Schreibtische ihrer Vorgänger und setzen deren Arbeit fort.

Der Mob indes lernt daraus, das Übel an der Wurzel anzupacken.

Mittwoch, 28. Juli 2010

Putzerfische zu den Waffen! Kapern ist ein Verb und keine eingelegten Blütenknospen!

Putzerfische führen ein ganz okayes Leben. Für patriarchal geprägte Zeitgenossen mag es verlockend klingen, dass die männlichen Exemplare einen eigenen Betrieb (Putzerstation) führen und sich einen Harem halten. Für Einkommen und Kopulationsmöglichkeiten ist allemal gesorgt. Größere Fische machen Station und lassen sich mal so ordentlich von innen und außen durch- und abschrubben. Putzerfische ernähren sich von Parasiten und abgestorbener Haut. Haben die beflossten "Kunden" genug, verlassen sie die Putzstation.

So kann Dienstleistung also aussehen: Völlig friedfertig finden sich Kunden ein, unter ihnen auch gewichtige Verbrecher, lassen sich verwöhnen und zahlen mit Naturalien, die sie selbst nicht brauchen können. Der Dienstleister indes ist es zufrieden und geniesst ansonsten sein Leben. Inwieweit Fische ihr Leben geniessen, mag einmal dahin gestellt sein. Inwieweit menschliche Dienstleister ihrem Leben etwas Freude abringen können, allerdings auch. Doch die Vorzeichen sind anders: Die großen Fische unter den Menschen (um im maritimen Bild zu bleiben) lassen die kleinen Fische zu sich kommen, und sie halten sie kurz.

Bei Hamburg findet derzeit eine von der Arbeitagentur finanzierte Qualifizierungsmaßnahme statt, in der Hartz IV Empfänger zu Servicekräften auf Luxusjachten qualifiziert (nicht ausgebildet!) werden. Das bedeutet: Zimmer putzen, Cocktails reichen, Deck schrubben, Nacken massieren - und das rund um die Uhr. Ein Privatleben dürfte bei solch einem Job eher Nebensache sein. Man könnte sich womöglich genausogut kastrieren lassen und als Eunuch einen Harem bewachen, statt ihn wie ganz ordinäre Putzerfische selbst zu unterhalten.

Also muss es ja das zu verdienende Geld sein, das einen Menschen zu solch einer Qualifizierung antreibt? Weit gefehlt: Mit knapp 2500 Euro brutto (für 9to5- Jobber klingt das verlockend) ist das Gehalt keine Entschädigung für ein ausschließlich den Superreichen gewidmetes Leben. Das ist in der Tat erniedrigend: Ein geringes Einkommen und den ganzen Tag schuften für einen halbdankbaren Blick des Arbeitgebers, wenn sein Drink ausnahmsweise einmal korrekt kredenzt wird. Den Stundenlohn jedoch möchte man sich erst gar nicht ausrechnen.

Anerkennung ist also der Lohn des Arbeitnehmers, nicht sein Gehalt. Dementsprechend wird der Wert der Arbeit von den Arbeitgebern festgesetzt: Er ist niedrig und wird zudem nach unten, und nicht nach oben, verhandelt. Arbeit wird tendenziell als eine vom Arbeitnehmer freudig erbrachte Dienstleistung betrachtet, einzig und allein dazu da, die Reichen noch reicher zu machen. Solange die NichtSoReichen und die FastArmen für ihre Distinktion und nicht für ein angemessenes Gehalt arbeiten, wird sich daran nichts ändern.

Kein Wunder, dass jene Reichen ihren Besitz als gottgegeben und sich selbst als Leistungsträger betrachten. Keiner von ihnen käme je auf die Idee, das sein Reichtum auf der schlechtbezahlten Arbeit seiner Angestellten gründet. Käme er darauf, müsste er sie ja an "seinem" Umsatz gleichberechtigt beteiligen - falls denn ein auf Ethik begründetes Verantwortungsgefühl vorhanden wäre. Dann aber wäre es essig mit der Jacht. Der Pöbel auf seine Plätze, mir zu wohlgefallen!

In schöneren Zeiten würde sich derselbe Pöbel erheben, die Piratenflagge hissen, den "Eigentümer" über die Planken springen lassen und einfach kapern, was er (sich!) mittels eigener Arbeitskraft erarbeitet hat und was ihm eigentlich auch gehören sollte. Klaus Störtebeker, seines Zeichens Likedeeler (Gleichteiler) und Todfeind der Hanse, gilt als volkstümlicher Held. Warum sollte man ihm nicht nacheifern? Wer aber würde uns dann jene so erflehte Anerkennung schenken? Der Arbeitgeber ist nun der Makler unseres Selbstwertgefühls... Traurig, dass selbst Fische da irgendwie weiter sind.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Heute: Weg mit Kleidungsvorschriften! Alles abschaffen, sonst!

Kleidungsvorschriften sind das Hinterletzte. Vor allen Dingen, wenn sie aus religiösen Motiven erfolgen. Religiöse Motive sind das Hinterletzte, vor allem weil Religion für die intellektuelle Armut im Menschen spricht. Laut NT spricht Jesus von sich als Menschenfänger. Damit soll schon alles über Religion gesagt sein! Wer an göttliche Wesen glaubt, um einen Halt in der Welt zu finden, ist schließlich nur zu feige, sich der Realität zu stellen.

Das war jetzt vielleicht hart und auch etwas drastisch, trifft jedoch den Kern der Sache namens Leben. Zurück zu den religiös bedingten Kleidungsvorschriften: Ich gehe soweit, zu behaupten, dass ALLE Frauen, die behaupten, sie trügen ihr Kopftuch, ihren Schleier, ihre Burka oder ihre Klitorisverstümmelung freiwillig, damit zehn andere Frauen indirekt dazu zwingen, ein Kopftuch, einen Schleier, eine Burka oder eine Klitorisverstümmelung zu tragen.

Ein Staat, der es für ein Grundrecht hält, dass Menschen andere Menschen dazu zwingen können, etwas zu tun, was sie nicht wollen, und dies am Ende als Toleranz oder gar Religionsfreiheit verkauft, der gehört abgeschafft. Ein Staat, der es grundsätzlich erlaubt, dass religiöse Symbole in öffentlichen Räumen wie Schulen aufgehängt werden dürfen, aber irgendwie darauf pocht, Staat und Religion seien getrennt voneinander, gehört ebenfalls abg eschafft. Vor allen Dingen, wenn man in diesem Staat vor Gott (!) bezeugen muss, wenn man ein Amt antreten will.

Intermezzo: Neoliberale Religionen und Aberglauben

Ein Staat, der daran glaubt, die Höhersetzung des Rentenalters auf zunächst 67 Jahre würde bedeuten, dass weniger Rentner arm sein werden, hält von seinen vermeintlich gottesfürchtigen Schäflein nicht allzuviel in intellektueller Hinsicht. Vielleicht gibt es dann weniger Rentner, weil sie als Arbeitnehmer vorher schon sterben. Wahrscheinlicher aber wird es einfach mehr arbeitslose alte Menschen geben, die zuerst von Hartz IV leben müssen und danach eine geringfügige Rente bekommen: wegen fehlender Beitragsjahre.

Eher tot als arm - die eine Devise! Eher alt UND arm, aber wenigstens nicht Rentner - die andere!

Eine Utopie zum Schluss? Okay: Einheitsrente!

Was soll bitte an einkommensgebundenen Renten sozial sein? Wer sein Lebtag ackert zu Minilöhnen und gehörig knapsen muss, der soll auch im Alter darben? Und wer ohnehin viel verdient, dem soll sein Standard erhalten bleiben? Pfffff! Jeder soll das Gleiche bekommen in meiner Utopie, weil die Beitragsjahre alleine zählen. Wer durch Arbeit mehr verdient als andere, kann ja noch was sparen. Das wäre Vorteil genug. Zumindest wäre so gesichert, dass Billiglöhner ihren Alterssitz in Würde werden begehen können.

Ein Staat, der was anderes zulässt, gehört...

Samstag, 13. Februar 2010

Sie nennen es Arbeit! Für andere ist es einfach nur: Dekadenz!

Dumm (stupide) sind Menschen, die unüberlegt handeln oder nicht in der Lage sind, aus bereits gemachten Erfahrungen logische Schlüsse zu ziehen, d.h. aus einem Mißerfolg keine entsprechenden Konsequenzen ziehen zu können. Auch Unwissen ist eine Art von Dummheit.

Damit kommen wir dem Phänomen Guido Westerwelle aber nicht näher: Um ihm Dummheit konstatieren zu können (aber nicht zu dürfen), müsste man ihn persönlich kennen und über einen längeren Zeitraum aus nächster Nähe beobachten. Aus der Ferne kann man nicht beurteilen, ob Guido Westerwelle unüberlegt handelt oder einfach nur wenig weiß.

Was man weiß: Er beklagt das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes über die Harz IV- Gesetze. Das Versprechen eines anstrengungslosen Wohlstands lüde zur "spätrömischen Dekadenz" ein. Wen er damit wohl gemeint hat? Jene vielleicht, die ihr Geld oder andere Menschen für sich arbeiten lassen? Die von einem Termin zum anderen jetten und dies Arbeit nennen?

Gemeint sind natürlich jene, die durch Dauerarbeitslosigkeit in den Genuss von Hartz IV gekommen sind. Sie liegen faul in ihrer sozialen Hängematte und werfen mit Geld nur so um sich. Denn davon haben sie mehr als genug: In kaum einem Forum zu diesem Thema fehlt der Hinweis, dass Hartz IV- Bezieher Plasma- TV und teure Spielkonsolen besitzen, während man selber sich sowas nicht leisten könne, ergo trotz Arbeit weniger Einkommen zur Verfügung habe.

Ich kann da nur empfehlen: Sofort kündigen und selber Hartz IV beantragen! Schon nach einer dreimonatigen Sperrfrist fließt das Geld in Strömen. Erstaunlicherweise wagen nur wenige Menschen diesen Schritt: Sie argumentieren damit, dass sie dem "Staat" nicht auf der Tasche liegen wollen. Aber insgeheim wissen auch sie, dass es so toll nicht sein kann, sich einer Behörde voll auszuliefern. Der Sessel der Arbeitslosigkeit ist recht unbequem!

Diese ambivalente Stimmung mag den seltsamen Erfolg der FDP bei den letzten Bundestagswahlen und den neuerlichen Vorstoß Guido Westerwelles erklären. Und leider kommen nur ganz wenige Menschen zu dem Schluss: Wer will, dass arbeitende Menschen mehr verdienen als nicht arbeitende, der muss einen Mindestlohn einführen - und nicht die Hartz IV- Bezüge senken: Die Arbeitgeber würden sonst bei einer Senkung des Sozialtransfers sofort die Stundenlöhne nach unten korrigieren. Der Rest des Gehalts würde dann von Staat aufgestockt.

Es ist schwer vorstellbar, dass Guido Westerwelle dies nicht weiß. Zumindest sieht er die Signale! Leider zieht er daraus die falschen Schlüsse. Die Frage ist eigentlich, ob er dies mit oder ohne Absicht tut: Wider besseren Wissens Zeugnis abzulegen macht ihn zum Lügner. Persönliches Unwissen zu kolportieren macht ihn zum Idioten. Er hätte demnach nur eine enge Wahl, welche sein Dasein bestimmt. Damit dürfte er aber kaum ein Problem haben.

Was die spätrömische Dekadenz betrifft: Das römische Reich ist wohl kaum an der Idee eines Sozialstaats untergegangen. Vielmehr ist er an der unglaublichen Raffgier und Trägheit seiner Bürger zugrunde gegangen. Gearbeitet hat von denen allerdings keiner: Sie hatten dafür ihre Sklaven! Das Wort "Arbeit" leitet sich übrigens aus dem germanischen "arbaiþis" (Mühe, Beschwernis, Leiden) und dem altslawischen Wort "работа" (rabota: Mühsal, Sklaverei) ab.

Damit kommen wir der ganzen Sache doch schon viel näher, wie uns ein Seitenblick auf die Wirtschaftsereignisse der letzten beiden Jahre zeigen mag. Haben wir wieder was gelernt? Wahrscheinlich nicht: Dumm (stupide) sind Menschen, die unüberlegt handeln oder nicht in der Lage sind, aus bereits gemachten Erfahrungen logische Schlüsse zu ziehen, d.h. aus einem Mißerfolg keine entsprechenden Konsequenzen ziehen zu können. Auch Unwissen ist eine Art von Dummheit...

Montag, 21. September 2009

al-Qaida abwählen! Nun, der Wahlomat hilft nicht wirklich!

Nun, ich muss ja schon spätestens Donnerstag entscheiden, wen ich wählen möchte. Denn zu Wahlzeiten verweile ich in Berlin - da ist Briefwahl angesagt. Habe ich schon erwähnt, dass mir das alles viel zu viel ist und ich überhaupt nur wenig Lust verspüre zum Wählen? Vielleicht deshalb diese öffentliche Analyse der zur Wahl stehenden Parteien. Sie sei allerdings keine Wahlempfehlung. Ich sach's halt mal so wie's iss, ne? Der Wahlomat ist übrigens auch keine große Hilfe, denn er behandelt ja nun nicht gerade Thesen, die mich persönlich interessieren. Immerhin ist man von dort aus gut verlinkt in Richtung Wahlprogramme der Parteien. Da steht aber auch nicht viel drin, was mich interessiert.

Gestern hat sich die FDP darauf festgelegt, nur mit der CDU koalieren zu wollen. Hat die FDP eigentlich Lust zum Regieren? Für alle, welche die FDP oder die CDU nicht mögen: Einfach andere Parteien wählen (wer sich's nicht eh schon gedacht hat). Aber was ist die Alternative? Die SPD scheint ja auch nicht unbedingt in einer Regierungskoalition vertreten sein zu wollen, bei den Prognosen. Und da diese Partei sich ja weiterhin wehrt, mit der Linken zu koalieren (Vorsicht! Kommunisten!), und die Grünen zu öd für mehr als zehn Prozent sind, kann man auch... ja, was kann man denn eigentlich? Auf die Erpressung der FDP muss man ja nicht wirklich eingehen (wer uns wählt, kriegt schwarz-gelb, und sonst nüscht). Und was ist an der SPD so schlimm? Hartz IV etwa?

Nun, es gibt Schlimmeres: Als ich mit meinem Studium fertig war, und erst zwei Monate später einen Job haben sollte, musste ich wohl oder übel zum Sozialamt, denn einen Anspruch auf ALG gab es ja nicht. Kaum saß ich da bei der strengen Dame, die mich über ihren Brillenrand scharf anblickte, da hatte ich schon einen Zettel in der Hand, mit dem ich mich für Aufräumarbeiten im Stadtpark bewerben sollte. Ich kam leider nicht dazu, der strengen Dame mitzuteilen, dass ich ja bereits einen Ferienjob hätte, der aber nicht reicht, um die vollen zwei Monate zu bestreiten. Ich wollte ja nur mein monatliches Salär um ein paar Kröten aufstocken lassen, um der Kommune nicht zwei ganze Monate auf der Tasche zu liegen. Ich erzählte dies eben dem strengen Herrn, der mich scharf über den Brillenrand hinweg musterte, der riss mir dann das Papier aus der Hand, zerriss es und knurrte mich wieder nach unten zur strengen Dame, die mir dann die Hölle heiß machte. Würde ich mir "noch einmal so eine Nummer erlauben, dann" zeigte sich mich an!

Ich bekam nichts von Sozialamt, war viel zu perplex, um noch zu reagieren. Ich konnte noch nie was damit anfangen, wenn man mir unterstellt, ich wolle mich auf Kosten anderer bereichern. Da habe ich also zwei Monate lang Knäckebrot geknabbert und schiss auf einen Sozialstaat, der seine Bürger lieber zu Strafarbeit im Park verdonnert und jede Eigeninitiative bestraft. Die Arbeit im Park, so wurde mir übrigens gesagt, würde mich ins Erwerbsleben reintegrieren, mehr jedenfalls als mein Ferienjob, der tatsächlich was mit meinem Beruf zu tun hatte. Entweder ganz oder gar nicht!

Mit Harzt IV ist das nun anders. Ganz selbstverständlich hat jedermann Anspruch darauf, es sei denn, er hätte einen auf ALG I. Studienabgänger müssen nicht zur Integration in den Arbeitsmarkt Laub sammeln, und Menschen mit wenig Einkommen können ihr Gehalt aufgestockt bekommen. Auch dort auf den Ämtern weinen bedürftige Menschen und schimpfen sadistische SachbearbeiterInnen, doch sie weinen und schimpfen nicht so schlimm wie in den Sozialämtern.

Sicher muss man auch über Hartz IV Zwangsarbeit leisten, und ganz sicher sind die 352,- Kröten viel zu wenig, wenn man noch was anderes machen möchte als tagein, tagaus in der Nase zu popeln. Die 1EuroJobs sind allerdings eine gemeine Forderung der Opposition gewesen. Das Ursprungspapier sah vor, dass Arbeitlsose lieber 400EuroJobs machen sollen, das brächte sie vielleicht in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Die CDU fand wohl, dass die Arbeitslosen lieber nicht in ein reguläres Arbeitsverhältnis kommen sollten. Am Ende wollen sie vielleicht auch noch ein Gehalt zum Mindestlohn? Nicht auszudenken!

Die Härten in der Gesetzgebung sind fast allesamt Zugeständnisse an die CDU gewesen, um das Gesetz doch noch auf den Weg bringen zu können. Wer also eine Partei wegen Hartz IV abstrafen will, der darf sein Kreuzchen keineswegs bei der CDU oder der FDP machen. Die SPD hat es nur gut gemeint, und das jetzige System ist viel freundlicher zu den Menschen als das vorherige. Und auch fairer: Warum muss jemand über Jahre hin mehr Arbeitslosengeld haben, wenn er doch vorher schon so viel mehr verdient hat als andere? Da Leistung und Entlohnung nur lose im Zusammenhang stehen, ist ein einkommensgerechtes Arbeitslosengeld himmelschreiendes Unrecht!

SPD sollte man aber auch nur wählen, wenn man selbst ein ganz langweiliger Mensch ist. Wer z.B. bei der Zubereitung von Speisen nie die Zutaten variiert und jeden Abend fest in Vereinstätigkeiten verplant ist, der ist für die SPD geradezu prädestiniert. Allerdings wäre er auch zu fast allen anderen Parteien kompatibel. Um die Beliebigkeit der Parteien mal zu demonstrieren, gebe ich ein paar derer Slogans zum Besten. Man kann raten, zu welcher Partei welcher Slogan gehört. Die Antwort gibt es beim nächsten Mal.

1. "Unser Land kann mehr"
2. "Deutschland kann es besser"
3. "Wir haben die Kraft"
4. "Aus der Krise hilft nur ..." 
5. "Für eine neue soziale Idee"
6. "Klarmachen zum ändern"

Man könnte meinen, die Parteien hätten alle Angst, sich vor der Wahl auf ein paar kernige Aussagen festzulegen. Fast alle sagen das Gleiche, manche stellen auch ein- und denselben Satz einfach um.

Lustig ist übrigens auch das Demokratieverständnis von al-Qaida: Man droht Deutschland zu terrorisieren, wenn es die WählerInnen nicht schaffen, ihre Volksvertreter durch Wahlen zum Abzug der deutschen Truppen in Afghanistan zu bewegen. Ist Bekkay Harrach etwa ein Mitglied der Linken und will Wahlkampfhilfe leisten? Oder wie kommt man bei al-Qaida darauf, dass Demokratie so toll, also 1:1, funktioniert? Vielleicht sind radikale Islamisten die einzig wahren Demokraten. Voller Sehnsucht sprengen sie die Stützpunkte der Besatzung - verzeihung, Schutztruppen - in die Luft, während ihre Frauen schon einmal die Wahlurnen zu einer freien und gerechten Wahl töpfern. Die Ornamente und Farben sollen ja prächtig sein!

Dienstag, 17. Februar 2009

Eins, zwei, viele Arbeitsmärkte! In Ludwigshafen wird man geholfen!

Bei diesem Mistwetter macht sich schnell Langeweile breit: Man möchte nicht mehr vor die Tür, gräbt sich lieber zuhause unter der Bettdecke ein und sinnt seltsame und hanebüchene Dinge aus. So ähnlich muss es auch dem Sozialdezernenten Wolfgang van Vliet aus Ludwigshafen ergangen sein. Der hat sich ganz viele Gedanken machen müssen, weil nun jedes vierte Kind in der BASF-Town von Hartz IV lebt, und das geht nun gar nicht, auch wenn es irgendwie trendy in der BRD ist. Also ab zum Interview mit einer Mannheimer Zeitung:

Sein Rezept gegen die Folgen der Kinderarmut heißt Ganztagsschule und Hausaufgabenbetreuung. Soweit so gut, klingt spitze, funktioniert aber nur, wenn Geld fließt und nicht irgendwelche Freigesetzte dies ehrenamtlich tun müssen. Fachpersonal braucht's da schon, von wegen der Bildungsgerechtigkeit. Aber man ist ja dabei in Ludwigshafen und anderswo, ist ja längst dabei, ist ja dabei, jaja, ist ja gut!

Die Ursache von Kinderarmut ist zuerst einmal die Armut der Eltern. Offenbar verdienen viele Menschen einfach zu wenig und brauchen daher finanzielle Unterstützung vom Staat bzw. den Kommunen. Andere wiederum sind zu schlecht qualifiziert für eine ordinäre Arbeit. Für diese hat man den sogenannten zweiten Arbeitsmarkt geschaffen. Leider verdienen die Arbeitnehmer dort noch weniger und brauchen deshalb - richtig: erst recht staatliche Unterstützung. So kommen die Kinder aber nicht aus der Armut heraus.

Irgendwie ist da laut Herrn van Vliet auch nicht die Hartz IV-Gesetzgebung dran schuld, nein: Schuld ist einzig und allein die Tatsache, dass "...für gewisse Tätigkeiten keine Arbeit mehr da ist." Aha! So ist das also! Aber genau deswegen hat sich der Herr van Vliet etwas besonders Innovatives ausgedacht: Wenn erster und zweiter Arbeitsmarkt nicht ziehen, dann muss ein dritter Arbeitsmarkt her - ist doch logisch! Da gibt's auch nichts dran zu rütteln! Damit es für gewisse Tätigkeiten wieder Arbeit gibt!

Allein dieses Satzkonstrukt ist so dermaßen interessant, dass man gar nicht mehr fragen mag, was denn diese gewissen Tätigkeiten eigentlich sein sollen. Vor allen Dingen, wenn es für diese im dritten Arbeitsmarkt, der ja noch zu schaffen sei, Arbeit gäbe. Das ist jetzt aber irgendwie verwirrend, Herr van Vliet! Gibt's dafür jetzt Arbeit oder nicht? Außerdem wäre da noch zu klären, wie ein Arbeitnehmer seinen Kindern ausgerechnet via Arbeitsmarkt III (AM III) aus der Armut helfen soll, wenn AM II schon nicht ausreicht.

Kaum vorzustellen, ob Arbeitgeber dafür überhaupt noch was zahlen müssten, möglicherweise wäre der Job voll aus Steuern finanziert? (Wer sein Unternehmen darauf gründen mag, der soll bitteschön Pleite gehen und selber Leistungsbezieher werden!) Nicht auszudenken, dass in ein paar Jahren immer noch ein paar Menschen zu gering qualifiziert sind, um in AM III unterzukommen. Dann erfindet der Herr van Vliet ganz schnell den vierten Arbeitsmarkt, da dürften die Arbeitnehmer dann sogar noch Geld mitbringen. Wäre das nicht super?

Man sollte den allesamt erfundenen Göttern der Weltreligionen dankbar sein, dass Herr van Vliet nicht eigenhändig Arbeitsmärkte erschaffen darf. Sein Verständnis von sozialen Leistungen geht ohnehin kaum über den Wohlfahrtsgedanken hinaus: Die Vereine sollen's richten, wenn es um kulturelle Teilhabe und Bildung geht, und wer Hunger hat, geht einfach zur Tafel. Schön, dass sich die Stadt Ludwigshafen so einen wie den Herrn van Vliet überhaupt leisten mag, denkt man da. Denn ein Sozialdezernent, das wäre doch wirklich auch ein Job für den dritten Arbeitsmarkt, oder nicht? Damit es für gewisse Tätigkeiten endlich wieder Arbeit gibt!

Dienstag, 5. August 2008

Im Jobcenter: Sozialneid nach unten! Daher ein Loblied an K7!

Ach ja, es ist halt Sommer, da ist man ganz lax und launig. Da schreibt man, wenn überhaupt, eine lieblose Karte aus dem Urlaub: "In Berlin ist es ganz famos, aber so toll viel passiert auch nicht. Ich gehe täglich lecker und günstig Essen und sehe mir ein paar hübsche Ausstellungen an. Viele BaWüs sind hier, viel mehr als sonst. Berlin ist im Sommer gar nicht mehr so schön leer wie früher. Schade, das!" Aber das ist doch ein alter Hut und es kaum wert, darüber zu berichten.

Und Mannheim hat eben Sommerpause. Kein Wunder, wenn alle nach Berlin pilgern um einen Präsidentschaftskandidaten der USA zu bejubeln. Man kann sich daher noch nicht einmal über etwas aufregen, so entspannt ist das hier alles im Moment. Selbst die Schwäne im Neckar sind zu faul, sich ihre Brotkrumen am Ufer abzuholen. Und ich bin eben zu faul, dauernd irgendwelchen fiesen Kram zu schreiben. Deswegen werde ich ausnahmsweise über etwas ganz Feines berichten:

Ich liebe die entspannten KundenbetreuerInnen in K7 aufrichtig. Denn die sind nett und zuvorkommend, sehen stets entspannt aus und können auch tatsächlich helfen! Wer es noch nicht weiß: Ich bin ja vor einiger Zeit aus dem Verein der makabren Kreuzanbeter ausgestiegen, und meine Lohnsteuerkarte brauchte dementsprechend ein Update. Frohgemut wurde das RK ausgestrichen und abgestempelt, und man wünschte mir noch viel Glück in meinem weiteren Leben ohne den Genagelten. Ich bedankte mich artig und singe nun dieses Loblied auf K7.

Ganz anders drauf sind übrigens die Männer und Frauen vom Jobcenter Mannheim. Wer sich mal einen Spaß machen will, der setze sich so gegen 12Uhr mittags vor den Eingang und rate, welcher der Heraustretenden ein ALGII-Empfänger und wer einE SachbearbeiterIn ist. Das setzt ähnlich viel Konzentrationsvermögen voraus wie Sudoku, doch man erfährt leider nicht die Lösung. Einen Tipp gibt meine liebe Frau C.: Die verhärmt aussehenden Männer und Frauen in schlecht sitzender Kleidung sind die SachbearbeiterInnen.

Laut C. gibt es im Jobcenter nämlich den Sozialneid nach unten. Besonders im Sommer neidet man seinen KundInnen den zweiwöchigen Urlaub. Man selber könne sich den nämlich gerade nicht leisten, denn dass Haus sei noch nicht abbezahlt. Wer aber vom Väterchen Staat Geld in den Gierschlund gesteckt bekäme und dann noch frech in Urlaub führe, der stehe dem real existierenden Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung und gehöre deswegen mal so ordentlich durchgehartzt. Außerdem sehe man es gar nicht ein, dass man selber einen selten dämlichen Job machen müsse und andere Leute immer nur die Hand aufhalten würden.

Mißgunst macht leider ganz hässliche Gesichtszüge und ein Seeräuberhinken. Und wer von oben her gepiesackt wird und nach unten hin Pech und Schwefel verteilen darf, wird im Vakuum der Aufreibung zwischen Macht und Ohnmacht bitterböse. Liebe Leute, das kann man doch vermeiden! Denn wer den Hartzi ob seines luxuriösen Lebensstils beneidet, der kann doch selber einer werden! Das geht ganz leicht: Einfach kündigen, sich drei Monate ALG-Sperre einfahren und sich in den weiteren neun Monaten auf ALGII-Niveau hungern.

Meine Mutter hatte in ihrer Pension kürzlich auch eine ALGII-Empfänger-Familie zu Gast. Denen geht es ja so gut: FÜR ZWEI GANZE WOCHEN WAREN DIE DA! DIE SIND VON DRESDEN IN DIE PFALZ GEFAHREN, MIT DEM EIGENEN PKW BEI DEN SPRITPREISEN, UND MACHEN DA ZU VIERT EINEN URLAUB! UND DANN HAUEN DIE EINFACH AB OHNE HINTERHER AUFZURÄUMEN! GERADE DIE HÄTTEN DOCH ZEIT FÜR SOWAS! Nein, liebe Mutter, haben sie nicht: Sie müssen ja dem Arbeitsmarkt wieder rechtzeitig zur Verfügung stehen!