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Mittwoch, 11. Juli 2012

Frei in der Unmündigkeit! Das Kopiergerät als Mittel der Abweichung!

Sich biegen, bis die Balken lügen!
Unser allerliebster BuPrä Joachim Gauck möchte, dass die Regierung ihre Maßnahmen zur Eurokrise etwas volksnäher erklärt. Die Menschen verstünden oftmals nicht mehr, um was es eigentlich genau ginge und welche Folgen die Rettungsmaßnahmen für sie hätten. Von dem einmal abgesehen, dass noch nicht einmal die Politiker_innen der inneren und äußeren Sparzwänge verstehen, was die diversen Rettungsschirme beinhalten und welche Folgen sie nach sich ziehen: Ich bin mir nicht sicher, ob eine solche Aufklärung irgend etwas ändern würde.

Eigentlich sind parlamentarische Debatten die Grundlage der Demokratie. Und die sollen die Bevölkerung eigentlich mit auf die Reise nehmen. Leider geht die eine der Reisen in die parlamentarische Unmündigkeit. Schließlich sollen die Euroländer unter bestimmten Bedingungen ihre fiskalische Unabhängigkeit einbüßen können. Und bis auf ein paar klagewütige Bürger- und Politiker_innen scheint das kaum jemand zu interessieren. Der Herr Gauck will nun seine Schäfchen darüber aufgeklärt wissen, was da so passieren soll in nächster Zeit. Aber ändern wird das an der Sache selbst nichts: Demokratie heutzutage ist, wenn man vor mehr oder weniger gut erklärte Tatsachen gestellt wird, ohne selbst in den Entscheidungsprozess eingebunden zu sein.

Genau so springt man mit Kindern um: Denen muss man auch oft genau erklären, warum sie dies und jenes nicht dürfen und warum die Eltern so oder so handeln müssen. Es ändert sich zwar nichts für das Kind, aber immerhin wird ihm so klar gemacht, WARUM alles so ist, wie es ist. Kinder haben dafür zwar kein Verständnis, akzpektieren aber angelegentlich das Gesagte schulterzuckend. Und manchmal auch schniefend und schluchzend. Der freiheitsliebende Herr Gauck erklärt uns Kinderlein, wie frei man in der Unmündigkeit sein kann. Das ist ein sehr christlicher Gedanke: Glaube Du nur fein an das Unwahrscheinlichste, und Du bist frei! Solange wir Dir sagen, woran Du glauben sollst, wird alles gut. Und wenn Du vorher schon weißt, was man Dir zumuten wird, dann kannst Du es umso klagloser ertragen.

Mein Glaube ist nun dermaßen erlahmt, dass ich wohl einen spirituellen Einlauf brauche. Da kommt folgende, mir zugetragene Botschaft gerade richtig: Ein Servicetechniker für Kopiergeräte habe behauptet, dass der häufigste, irreparable Schadensfall am Kopiergerät wohl dem Drang einzelner Menschen zu verdanken ist, sich auf den Kopierer zu setzen und ihren Allerwertesten zu blitzdingsen. Die ein oder andere Scanfläche sei darauf physisch, vielleicht auch psychisch geknickt.

Und Schwupps, ich glaube wieder! Denn ich halte das für höchst plausibel: Man muss sich einfach vorstellen, welches Personal unter welchen Umtänden in Großraumbüros und Verwaltungen arbeitet. Es geht morgens rein und geht abends wieder raus, ohne irgendjemandem erklären zu können (am wenigsten wohl sich selbst), was man eigentlich den ganzen lieben langen Tag so getrieben hat. "Ich habe dann Formvorlage A dreimal kopiert, gestempelt und unterschrieben, dann wieder rausgeschickt, um den Rücklauf besser bewerten zu können."  "Aha, Schatz, komm lass uns essen gehen. Dann kannst Du mir mehr darüber erzählen." Es sind dies Vorgänge von allerhöchster Abstraktion. Der Angestellte säht nicht, er erntet nicht, aber er ernährt sich doch.

Sich hingegen auf einen Kopierer zu setzen, den blanken Hintern dreimal zu kopieren, das Ausgedruckte hernach zu stempeln, zu unterschreiben und herumzuschicken, um den Rücklauf besser bewerten zu können, ist dagegen ein äußerst greifbarer Vorgang, der zwar nicht unbedingt die eigentliche Arbeitstätigkeit korrekt umschreibt, aber beim Zuhörer immerhin eine Ahnung von ihrer Absurdität aufkommen lässt. Es ist dem Menschen auf jeden Fall bestimmt, ab und an der Tristheit des Alltags zu entkommen und wenigstens im Kleinen abzuweichen. Im Büro gibt es dafür nur wenige Möglichkeiten.Gut, man könnte auch Aktenordner vögeln. Aber will man sich wirklich an demnächst zu schreddernden Amtsvorgängen vergehen?

Eine frühere meiner diversen Arbeitsstellen ist einer Stadtverwaltung angegliedert. Meine Kolleg_innen hielten gerne vornehm Abstand, aber zur Weihnachtfeier musste eine Delegation abkommandiert werden. Ich zog das kleinere Streichhölzchen und bekam dafür einen zusätzlichen Tag frei. Die Weihnachtsfeier war recht lustig. Es war interessant zu beobachten, wie in einer Verwaltung tätige Menschen ihr Korsett für einen Tag im Jahr ablegen und buchstäblich auf den Tischen tanzen. Mir war die sexualisierte Atmosphäre jedoch etwas zu aggressiv, so dass ich mich spätestens dann zurückzog, als eine Mitarbeiterin unter frenetischem Gejohle seitens ihrer Kollegen einen Teil- Striptease hinlegte, dann zu mir kam und mir mit ihren Brüsten links und rechts Ohrfeigen zu geben drohte.

Ich floh und verzichtete auf eine Anzeige wegen sexueller Belästigung, so dass ich davon ausgehe, dass betreffende Person immer noch in jener Stadtverwaltung arbeitet. Ebenso gehe ich davon aus, dass der ein oder andere Kopierer Risse auf der Scanoberfläche hat und dass einmaliges Abweichen von der Norm keine besonderen Konsequenzen nach sich zieht. Ganz im Gegensatz zu den für den Beschäftigten unbewußt ablaufenden, weil automatisierten Vorgängen in Verwaltungen, die ganz bestimmt große Folgen für die Betroffenen nach sich ziehen. Man könnte sich freilich bemühen, ihnen in weniger bürokratischem Ton zu erklären, warum dies oder jenes notwendig ist. Aber ändern würde es wohl nichts: Es wäre lediglich eine Verlautbarung des Unvermeidlichen. Es wäre ein Fall für den BuPrä!

Sonntag, 29. Juli 2007

Auf die Insel! Bunte Giesskännchen und Dosenöffner!

als man feststellte, dass sie fast nur noch verwaltungsinterne vorgänge bearbeiteten, begann man, alle beamten und fachangestellten der verwaltungen auf eine südlich gelegene insel zu verbringen. dort sollten sie für den rest ihrer tage sich selbst überlassen werden und das tun, was sie am besten konnten: sich selbst verwalten!

im lande selber beschloss man, den dienst am bürger den kundenorientierten dienstleistern zu überlassen, was im allgemeinen sehr gut angenommen wurde. wenn ein arbeitsloser zum beispiel in arbeit vermittelt wurde, schickte man ihm nun zusätzlich einen blumenstrauss samt grusskarte.

man freute sich nun ehrlich, dass die menschen aus dem "bezug " herausfielen. früher wurden die "bittsteller" sang- und klanglos aus dem system gestrichen. neue kamen, und sie waren ausser arbeitslos vor allem eins: lästig!

so ging es den bürgerInnen mit sämtlichen ämtern und verwaltungen. doch nun war alles gut. man fühlte sich endlich ernst genommen und musste für jeden antrag nur noch drei statt der üblichen 10 durchschläge einreichen. es war jetzt so viel einfacher.

doch nach einiger zeit hörte man von den bewohnerinnen der "verwaltungsinsel" nichts mehr! hatten sie es tatsächlich geschafft, zu gedeihen und sich fortzupflanzen? waren sie nun vollkommen unabhängig und benötigten keinerlei unterstützung mehr? noch vor wenigen monaten wurde das land von anträgen auf zuschüsse geradezu bombardiert.

man versuchte, kontakt zu knüpfen, man wollte schliesslich geschäfte mit dem endlich prosperierenden eiland machen. doch es gab keinerlei reaktion. daraufhin schickte man ein erkundungsteam auf die "verwaltungsinsel".

als sie dort ankamen, waren sie nicht schlecht erstaunt: die häuser waren zerfallen, in ihnen befand sich kein leben. auf den schreibtischen lagen unmengen von anträgen, ablehnungen und widersprüchen. alle topfblumen waren verwelkt. an den tischen sassen mumifizierte leichen, die bunte gieskännchen in ihren händen hielten.

sofort wurden experten gerufen. man wollte nachforschen, was denn passiert sei. die einfache antwort war schnell gefunden: man hatte sich selbst zu tode verwaltet! jede beantragte dose thunfisch machte solch einen verwaltungsaufwand aus, dass hinterher keiner mehr die kraft hatte, sie zu öffnen.

bei genauerer durchleuchtung der aktenlage stellte sich folgendes heraus: selbst wenn der antrag 1554c. (bestellung einer dose thunfisch) samt folgeantrag 1554d. (öffnen der dose thunfisch), positiv entschieden worden wäre (die zuständigen behörden mahnten wiederholt formfehler in der antragstellung an), wäre der antragsteller trotzdem verhungert:

eine verwaltungsfachangestellte war aufgrund ihres mehrfach abgelehnten antrags auf eine höhere gehaltseinstufung dermassen brüskiert worden, dass sie aus trotz den antrag 234a. (zuteilung eines dosenöffners) unter ihrem schreibtisch verschwinden liess. der antragsteller war übrigens derselbe, der ihre gehaltserhöhung rechtsgültig abgelehnt hatte.

solche und ähnliche geschichten passierten tausendfach auf der "verwaltungsinsel". so musste es ja kommen: es ist halt nicht gut, domestizierte wesen in die freie wildbahn zu entlassen. die insel selber war für jahrzehnte unbewohnbar, da einsetzende regenfälle die papierwüste in eine pappmaschee- landschaft verwandelten.

heute überlegt man ernsthaft, ob man nicht die letzten arbeitgeber dorthin verbringen soll. sie könnten sich so wunderbar gegenseitig ausbeuten und sich das leben zur hölle machen. die bürgerInnen des landes würde es freuen: das leben würde so viel leichter!