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Mittwoch, 3. Juni 2009

Kotzen und Klotzen! Job- und Freizeiterfahrungen!

Vier Mittzwanzigerinnen sitzen um einen Tisch beim Vietnamesen herum, sie trinken Bionade, essen vegetarische Gerichte und unterhalten sich über ihre ersten Joberfahrungen. Blondie beginnt das Gespräch.

Blondie: Und? Wie war Eure erste Joberfahrung?
Brüni: Hmmm, ja, das ist ja ganz nett so. Ich arbeite ja so mit vier anderen aus der Agentur zusammen. Ist halt ganz schön stressig, so, auch weil da so wenig Platz ist in dem engen Büro.
Redhead: Uhh, das ist bei mir auch so, nur sind wir zu zehnt und haben viel mehr Platz. Ich habe sogar einen eigenen Schreibtisch...
Brüni: Ich nicht...
Blondie: Hah...
Blackie: Uhhhhwaah...
Redhead: ... und wir arbeiten dann von ganz früh morgens bis ganz spät abends, wir haben da so ein Projekt da, und das ist ganz schön heavy...
Brüni: Ach ja, das ist bei mir ganz ähnlich, wir arbeiten ja auch von früh bis spät, muss ja, und Geld dafür gibt es da auch kaum.
Blackie: Ojeojeoje...
Blondie: Das ist ja gar nichts, ich bekomme immer noch quasi mein Praktikantengehalt, nur dass ich jetzt fest angestellt bin. Aber was macht man nicht alles...
Brüni: ... wenn man dann mal irgendwann so richtig Geld im Job verdienen will. Ist bei mir ganz genau so, nur dass ich gar kein Geld bekomme gerade, weil ich jetzt erstmal drei Monate hospitiere, und wenn meine Eltern nicht wären...
Blondie: ... dann sähe es bei mir auch ganz schön mau aus. Trotzdem finde ich meine erste Joberfahrung ganz toll, ich lerne da ja so viel und das ist ja ganz anders als wie beim Studieren.
Redhead: Ja genau, das ist so wie bei mir, ich finde meine erste Joberfahrung auch so fast therapeutisch irgendwie so...
Blackie: ...ah was? Äh wie...
Brüni: ... kenn' ich, kenn' ich. Fast glaubt man, man müsste dafür noch was zahlen... Tut aber irgendwie gut, mal was für andere zu machen als nur für sich selbst...
Blackie: Was?
Blondie: Äh, Blackie, was machst Du eigentlich so gerade? Wie ist Deine erste Joberfahrung so?
Blackie: Geht so! Ich arbeite im Supermarkt an der Kasse! Is' nich' so der Hit. Aber ich krieg 6,50 € die Stunde.

Na? In welcher Stadt findet dieses Gespräch statt? Wo ist man so dermaßen aufopferungsbereit und arbeitet für nichts außer einer ersten Joberfahrung? Richtig: Das könnte in Mannheim sein. Isses aber nicht. War in Berlin! In Mannheim gibt es keinen Vietnamesen, und wenn doch könnte man sich den gar nicht leisten für null Gehalt.

Zwei Teenagerjungs unterhalten sich im ICE, wohl die erste große Reise ohne die Eltern. Die Reise ging natürlich nach Berlin, und jetzt geht's wieder heim nach Mannheim. Blondie labert Blackie voll, während er mit einem Ohr laut Musik hört und dabei mit seinem Mobilfunktelefon herumspielt. Der dunkelhaarige Junge wirkt um einiges reifer als die Laberbacke, was ihn etwas souveräner ausschauen lässt.

Blondie: Oaaah ey, des war echt granatenhammmermäßig. Hab' ich die ganze Zeit voll gesoffe und mir is immer noch kotzübel. Hab ich gekotzt letz Nacht, des war granatenhammermäßig...
Blackie: ... ey Mann, ich war dabei, ich weiß des...
Blondie: Ah ja, stimmt. Obwohl ich mich net mehr so richtig erinnern kann, des war so granatenhammermäßig, weischt?
Blackie: Ey Alter, ich war debei...
Blondie: Aber so bin ich, weischt? Ich hau' immer voll auf die Kacke, des is' bei mir so, ich kann net anders, verstehst?
Blackie: Hm!
Blondie: Ich bin so, des is' granatenhammermäßig, ich geb's mir immer bis ich umfall'. Dann geh' ich heim und kotz erstmal ins Waschbecken... Moment mal, der Bogie ruft grad an... hallo Bogie... was is'? Ich versteh' Dich net... aufgelegt... ja und dann geb' ich mir gleich wieder die Kante, verstehst?
Blackie: Jaja, Du bist halt so...
Blondie: Ja und wie, da bin ich granatenham... wart' mal... ja Bogie? Hallo? Dann sag halt was Du Depp... aufgelegt!
Holger E. Karst: Der hat nicht aufgelegt, hier ist eine Ruhezone, und der Mobilfunkempfang ist schlecht, Du Hirn! Probier's einen Wagen weiter vorne, da wird das Signal verstärkt.
Blackie: Ey wie geht'n der ab, der is' ja granatenhammermäßig drauf...
Blondie: Und heut' abend, da geh' ich gleich wieder zu Kumpels und da machen mer wieder durch, und immer so weiter, weischt. Des is' so abgefahr'n, aber des bin ich, weischt? Wart', ich probier' grad mal den Bogie zu erreichen... Bogie? Hallo? Was machst heut' abend? Bogie? Scheiße, wieder aufgelegt...

Dienstag, 23. September 2008

In der Zwischenzeit! Neues vom Holiday-Park!


Eine Freikarte kann vieles bewirken. Sie schafft es immerhin, dass FarmerBoy Dinge tut, die er sonst nicht tut. Gut, etwas überzeugen musste ihn RJay schon: Immerhin könne er, FarmerBoy, dort etwas erleben, über das er ja später noch schreiben könne. Außerdem habe RJay früher sogar einmal dort gearbeitet.

Dort, das ist der Holiday-Park. Und FarmerBoy hasst Vergnügungsparks. Aber wie gesagt, eine Freikarte verändert den Menschen. Und so begibt sich FarmerBoy auf die Reise nach Hassloch und wartet am dortigen Bahnhof auf RJay. Der Bahnhof in Hassloch ist wohl der langweiligste Ort im Universum. Dort gibt es nichts, außer einer kleinen Bahnhofskneipe. Die Menschen darinnen warten wohl schon seit Jahren auf den Zug, der sie fort trägt aus dieser Stadt.

Hassloch ist bekanntermaßen so durchschnittlich, dass die Menschen dort Testprodukte zu kaufen bekommen. Die Zusammensetzung der Bevölkerung ist repräsentativ und lässt sich auf die Bundesrepublik hochrechnen. Wenn also irgendein probiotischer Joghurt mit 0,01% Fettanteil auf den Markt kommt, dann hat er den Hasslochern geschmeckt.

FarmerBoy bekommt plötzlich große Angst und beruhigt sich erst wieder, als RJay mit dem nächsten Zug ankommt. Beide warten nun auf den Bus, der sie zum Holiday-Park bringen soll. Das dauert ca. 30 Minuten, was ziemlich genau eine halbe Stunde zuviel ist, wenn man sich in Hassloch am Bahnhof aufhalten soll.

Der Vergnügungspark wird von Louis XIV beherrscht. So nennen ihn seine Angestellten hinter vorgehaltener Hand. Mit majestätischer Geste beherrscht er ein Gebiet, in dem das Licht nie ausgehen möchte. Am Ende der Saison schaut er auf sein Volk hinab, das seine saisonal bedingte Arbeitslosigkeit feiern darf. Die Feier geht auf Kosten des Sonnenstaats. Bis dahin wird aber gearbeitet.

Der Sonnenkönig beschäftigt allerlei Personal. Am glücklichsten dürften die StudentInnen sein, die nur ihre Finanzen aufbessern möchten. Weniger glücklich sind die saisonal Angestellten, die ihr Gehalt mit ALG2 aufstocken müssten, wenn sie nicht so viele Überstunden machen würden. Man kann das Personal gut auseinander halten: Jene die lächeln sind die StudentInnen, die anderen lächeln nicht. Trotzdem sind viele zufrieden und stolz. Für sie ist der Park alles.

Der Holiday-Park ist letzten Endes auch eine Single-Börse: Wer auch immer dort arbeitet, dem wird eine Affäre verheißt. So hat der Mitarbeiter Z. dort seine Freundin kennen gelernt. Andere bändeln gerade an. Es lässt sich wohl doch leben in der Armut. Man sollte den MitarbeiterInnen jedenfalls allen Respekt erweisen: Wer es schafft, 10 Stunden an einem Fahrgeschäft zu stehen und die Musik dort ohne seelische Schäden zu ertragen, der ist ein Held der Arbeit. Schade, dass die meist jugendlichen Gäste diesen Respekt nicht gewähren wollen. Doch die seltsam tumbe Masse, die sich durch das Gelände schiebt, ist auch nicht viel freundlicher.

So endet der Tag für FarmerBoy, und er ist RJay dankbar für den gewonnenen Einblick. Zurück am Bahnhof in Hassloch flirten noch ein paar Betrunkene mit Holiday-Park-Mitarbeiterinnen. Der passende Soundtrack dazu ist Arcade Fire, der passende Zug ist der nach Mannheim. FarmerBoy kommt genau rechtzeitig an, um die letzte StraBa zu verpassen. Der Weg nach Hause wird nachdenklich

Sonntag, 17. August 2008

Telefonieren mit dem Headset! Schwarze Pädagogik, where are you?

Früher hat man einwandfrei erkennen können, ob jemand ein Psycho ist oder nicht: Wer im Freien laut mit sich selbst gesprochen hat, konnte getrost als ein solcher eingestuft werden. "Besser nicht reagieren", sagte man dann leise zu sich selbst, "sonst verwechselt mich der Psycho mit einer seiner halluzinierten Gestalten und drückt mir einen Monolog ins Ohr oder ein Messer in den Rücken." Einen weiten Bogen um seltsame Menschen zu machen hat ja noch nie geschadet. Manchen kann man dennoch nicht entkommen, wie z.B. jenem Herren in der Straßenbahn, der stetig folgendes vor sich hinmurmelte: "Rnch, hrmmm, Viehtransporter hmhm - Viehtransporter, ab in die Schlachtbank, jahaahwoll! Grmmm, ihr alle, alle! Ronch, Schlachtbank, grmpf jaaaaja!"

Dank Headsets für den Mobilfunk ist es nicht mehr so ganz einfach, die Leute richtig einzuordnen. Zuerst dachte ich ja, der Anteil stark gestörter Menschen sei stark angestiegen, doch dann habe ich entdeckt: Einige darunter telefonieren per Freisprechanlage. Doch ist dies nicht nur eine andere Form von unterdrückter Geistesgestörtheit? Denn wer generell nicht bereit ist, sein Gesicht mit Mobilfunkstrahlen zu duschen, der zeigt doch ein kommunikatives Suchtverhalten. Dieser Befund ist zwar überhaupt nicht wissenschaftlich begründet. Aber auf die Idee mit dem Headset können nur Dauertelefonierer mit latenter Flatrate kommen. Endlos verstrippte Quassler, denen kein Anlass zu blöd ist, um nicht als potenzielle Psychotiker fehlinterptretiert zu werden.

Apropos Dauerquassler: Eine kleine Gruppe junger Studentinnen suchte kürzlich das Café Sammo heim, in dem sich auch meine Wenigkeit für eine kleine Rast aufhielt. Sie wurde von einem besonders lauten Exemplar dominiert, das zu jedem Thema noch eine Extra-Story parat hatte. Die Gespräche jedoch waren zu wenig interessant, als das ich hätte zuhören wollen. Deshalb wollte ich hin und ihr leise zuflüstern: "Hallo, kleine Studiermaus, Du musst nicht schreien! Deine Freundinnen sitzen bei Dir am Tisch, sie können Dich bestimmt verstehen. Ich, der ich drei Tische weiter sitze, kann es doch auch!" Meine Mutter hat mir immer, wenn ich ihrem Empfinden nach etwas zu laut wurde, ein giftiges "Psssst!" entgegen gezischt. Ich war ihr oft zu laut. Deswegen habe ich Komplexe aufgebaut. Mitmenschen schätzen nun aber meine gepflegte Art der Konversation, die ohne Geschrei und Geplärre auszukommen scheint. Man attestiert mir eine angenehme Stimme, und so habe ich meinen Komplex mittlerweile richtig gerne.

Ist Erziehung denn am Ende nichts anderes, als die Brechung des anarchistisch-kindlichen Gemüts hin zur Gesellschaftskompatibilität? Aber wird heutzutage denn überhaupt noch erzogen? Bekommen Kinder noch auf die Finger gehauen, wenn sie allzu nassforsch sind? Ich neige zu der Behauptung, dass heutige Eltern schlicht überfordert sind und ihre Kinder gar nicht mehr erziehen. Viel schlimmer noch: Sie bürden den Kleinen die Verantwortung auf, sich selber zu erziehen. Eltern wollen lieber die Kumpels ihrer Kinder sein, und nicht deren Aufseher. Später als Jugendliche sind die Plagen zuerst Terroristen, als Erwachsene dann verantwortungslose Idioten ohne jede Sozialkompetenz. Hinterher weiß keiner mehr, ob sie Psychotiker sind oder doch einfach nur telefonieren. Schwarze Pädagogik, where are you?