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Donnerstag, 17. Juli 2008

Zeit für einen Kleinkrieg! Aurale Botschaften, ungefragt!

Wo sind die guten alten Zeiten hin, als Kinder noch als das galten, was sie im Grunde auch sind: Als unsägliche Störenfriede, die dauernd Lärm machen, frech sind und mit ihrem ewigen Gelaufe das Treppenholz ruinieren. Eltern wurde stets mit der Aufkündigung des Mietvertrages gedroht, sollte keine Besserung eintreten. Und man meinte es ernst!

Heute ist das natürlich anders. Es soll ja nicht benachteiligt werden, wer künftige Arbeitslose in die Welt setzt. Vielmehr müssen Familien unterstützt werden, und das ist ja eigentlich auch gut so. Dummerweise setzt sich damit manchmal etwas Größenwahn durch, und das auf zweierlei Weise. Erstens: Kinder werden zum Ersatzvehikel für eine ansonsten verpfuschte, weil völlig sinnlose Existenz. Zweitens: Das ganze soziale Umfeld muss sich nach einer einzigen Familie richten, nach ihren Ritualen, Bedürfnissen und Tagesabläufen.

Schnell werden Aufrufe an die Haustür getackert, in denen so etwas anachronistisches wie Mittagsruhe gefordert wird. Zwischen 12 und 15Uhr darf nun weder gearbeitet, geputzt noch geatmet werden. Zu anderen Zeiten darf es aber auch nicht zu laut zugehen, wenn doch, dann wird - am liebsten mit Säugling im Arm - an der Wohnungstüre geklingelt. Was nämlich laut ist, legt die Familie selbst fest: Laut sind alle Geräusche, die von außen kommen und in ihrer Wohnung hörbar sind.

FarmerBoy hat das Pech, in einem sehr hellhörigen Haus zu leben. Die Zimmertüren dämpfen den Schall mehr als der Fußboden. Offensichtlich hat man es unterlassen, eine Trittschalldämmung einzubauen. Er leidet darunter stark, weil seine kleinen Nachbarkinder nachts mitunter erbärmlich schreien. Manchmal wirklich so erbärmlich und so lange, dass er aufrecht im Bett sitzt und hinterher nicht mehr einschlafen kann. Er beschwert sich allerdings nicht. Ist ja völlig normal, mit so kleinen Kindern im Haus, denkt er nachsichtig.

Grenzwertig wird es für ihn, wenn er zum Beispiel an einem Feiertag mal so richtig ausschlafen möchte, aber die hochmusikalische Mutter und Nachbarin morgens um acht Uhr laut auf der Orgel spielen muss. Er denkt sich dann, das Kissen fest ans Ohr gedrückt: "Na warte!" Aber am Ende reagiert er dann doch nichts, man will ja keinen Kleinkrieg entfachen. Andererseits ist es natürlich unfair, dass einzig die Familie von unten ihre Existenz aural unter Beweis stellen darf.

Packt FarmerBoy aber einmal seine akustische Gitarre aus, um ein paar selbstkomponierte Folkstücke mit Bandkollegin H. zu spielen - er streichelt seine Gitarre dabei nur sanft, und seine Stimme hat ein wohltuendes Timbre, während H. ein Keyboard anstimmt, das in Tonlage und Lautstärke der Gitarre angepasst ist - klingelt es an der Tür. Es ist viertel nach Acht abends. Die Nachbarin, mit Säugling im Arm: "Können Sie bitte etwas leiser sein, es ist jetzt schon nach Acht Uhr und wir wollen unsere Kinder ins Bett bringen!"

FarmerBoy ist zuerst verdattert: "Aber das ist doch Zimmerlautstärke, und es ist noch nicht einmal 22Uhr!" "Vielleicht sind die Wände ja sehr hellhörig", flötet die Nachbarin, und als ihr FarmerBoy dann doch geistesgegenwärtig entgegnet, dass sie jetzt doch noch wenigstens bis 21Uhr spielen würden, zieht sie mit verhärteter Miene von dannen. Seitdem hat FarmerBoy den starken Eindruck, schon die ganze Zeit um sein Recht zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit betrogen worden zu sein. Schritt für Schritt. Vielleicht wird es doch endlich Zeit für einen Kleinkrieg.

Freitag, 22. Februar 2008

Senile Bettflucht! Von Malta nach Mannheim und dann weiter?

Nach zwei Wochen unfreiwillig verlängertem Aufenthalt im Ausland sehnt man sich fast wieder zurück nach Mannheim/ 'tschland. Ab in die eigene Wohnung, die Mediathek durchwühlen und vernünftige Musik hören, sich auf's Sofa lümmeln und endlich wieder selber kochen, Brauchtum pflegen und so weiter.

Sobald man aber in Frankfurt gelandet ist und die verkniffenen Gesichter der Leute betrachtet, sehnt man sich schon wieder zurück. So kann es gehen, und der Zauber der Heimat verpufft. Der Alltag ruft und die existenzialistische Verausgabung der letzten Tage ist beinahe vergessen. BionicWoman alias meine liebe Frau C. hatte schon auf Malta genug von den Alten.

In der Klinik dort waren sie allgegenwärtig, und später im Hotel fanden sie sich ebenfalls ein, zum gerontologischen Kongress. Das Durchschnittsalter im Flugzeug war so um die 70, und Mannheim ist ja auch nicht gerade ein Hort der Jugend. In den hiesigen Krankenhäusern regiert das Alter immerdar, der vierstündige, gestrige Besuch war glücklicherweise der letzte vorerst. Meine liebe Frau C. genest allmählich.

Auf dem neuen alten Messplatz schwelte ein Müllkübel, die Feuerwehr kam mit dem Leiterwagen und löschte höchstselbst. Hier wird geklotzt und nicht gekleckert. Ein Glas Wasser hätte es aber auch getan.

Unsere Nachbarn erfreuen sich mittlerweile gleich zweier Kinder, doch man fragt sich wieso. Schliesslich kommen sie kaum mit dem "alten" Gör zurecht, es schreit Tag und Nacht ganz erbärmlich, und handelte es sich bei den Eltern nicht irgendwie um akademisch verhunzte Gestalten, riefe man das Jugendamt zu Hilfe. Dafür aber darf sich nun das ganze Haus nach der jungen Familie richten.

Plötzlich gibt es sowas wie eine Mittagsruhe, in der man sämtliche Aktivitäten bitte einzustellen hat. Sofort! Es sei zu laut, die Kinder könnten keinen Mittagsschlaf halten. Mir persönlich ist es allerdings lieber, die Kinder schliefen nachts, und so ändere ich meine Gewohnheiten nicht. Die Einzigen, die hier im Haus wirklich mit Lautstärke zur Sache gehen, sind: Jawohl, die vierköpfige Familie. Aber deswegen hänge ich noch lange kein erzkonservatives Pamphlet an die Haustür.

Es passiert schliesslich auch mal etwas in einem Haus in einer Stadt, und das nennt sich das ganz normale Leben. Da wird gelärmt, getalkt, gesaugt und herumgelaufen, was das Zeug hält. Und auf der Straße vor dem Haus, da ist's nicht viel besser. Und dann ist da noch die Natur, die keine Rücksicht kennt. Noch nicht einmal auf dem Land gibt es sie, die absolute Ruhe. Immer ist irgend etwas. Wo ist Frau von der Leyen, wenn man sie wirklich mal braucht?

Die allgemeine Mittagsruhe ist etwas, dass die Nazis erfunden haben könnten. In sehr heißen Ländern macht sie vielleicht Sinn, schliesslich kann man sich da kaum bewegen in der Mittagshitze, und ruht deswegen besser. Dafür wird nachts gefeiert. Man ruft die Polizei nur, wenn man sie zum Umtrunk einladen möchte. In Deutschland allerdings gibt es noch dazu die Nachtruhe, und so soll der gesamte Spass am Leben flöten gehen für die paar Wichtel, die noch Arbeit haben und sich den Luxus leisten können, Kinder zu erziehen.

Man wolle die Kinder eben nachmittags schlafen machen, damit man selber ein wenig Ruhe und Zeit für sich selbst habe. Ich aber frage: Wozu denn überhaupt Kinder, wenn man gerne mal seine Ruhe hat? Ist es da nicht geradezu kontraproduktiv, gleich zwei von der Sorte in die Welt zu setzen? Aber bitte, so ist er, der Mensch: Kaum zieht er seine Brut auf, wird er zum gesetzestreuen Spiesser und vermasselt seinem Umfeld jeden Spass. Kann man den Wunsch also verstehen, so schnell wie möglich wieder wegzutauchen?

Gestern Abend gab Arte den netten Film "Sommer vorm Balkon". Er spielt in Berlin, und ich erkannte die Schönheit der Stadt wieder, auch die Tristesse, und ebenso die als Melancholie getarnte Traurigkeit. Sofort packte mich das Heimweh wie einen senilen, bettflüchtigen Senioren, der sich im Morgengrauen, im Schlafanzug zwar, doch mit gepacktem Koffer, auf den Weg in den Ort seiner garantiert glücklichen Kindheit macht. Doch leider verläuft er sich ganz arg und muss mit Spürhunden und Hubschraubern gesucht werden. Das Leben, es ist kein leichtes.